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Das Leben der Patrizier in der Ständegesellschaft

Eine Exkursion zum Tucherschloss in Nürnberg

tucherschlossIm Rahmen des Unterrichtsthemas „Die Ständegesellschaft“ im Geschichtsunterricht der Q11 brach unser Kurs mit unserer Kursleiterin, Frau Schneider, zu einer Führung im Nürnberger Tucherschloss auf, um dort einen „hautnahen“ Einblick in die Welt und das Leben der Handelsfamilie Tucher –einer der seit dem hohen Mittelalter bedeutendsten Nürnberger Patrizierfamilien– sowie weiterer Nürnberger Patrizier im 16. Jahrhundert zu erhalten.

Dafür führte uns Herr Dr. Mayer vom Verein „Arabisches Museum Nürnberg“ durch die Sonderausstellung „Nürnberg und der Orient“, aufgrund deren uns deutlich wurde, wie vielfältig die arabische Welt die europäische und besonders die Nürnberger Kultur bis heute beeinflusst hat.

„Nürnberger Tand geht durch alle Land“ – dieser Spruch verweist noch heute auf die Handelstätigkeit Nürnberger Kaufleute, die Tand, also „Krimkrams“ verkauften. Hier findet sich bereits ein Hinweis auf die überregionalen Beziehungen der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg, da „Tandes“ Rechenpfennige für Kleinigkeiten darstellten und auch im Orient gefunden wurden. Letztlich wurde die Stadt seit dem Mittelalter durch den Handel ihrer Patrizierfamilien mit der arabischen Welt mit Gewürzen, Getränken und vielen weiteren orientalischen Waren geprägt, wodurch auch die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Bedeutung gelegt wurde. Hans VI. Tucher kam dabei eine Vorreiterrolle zu, da er im 15. Jahrhundert den Orient bereist und darüber einen viel gelesenen Reisebericht verfasst hatte.

Gleichzeitig erlangte seine Familie mit dem Orient-Handel großen Reichtum, wie es sich dem Besucher im Tucherschloss sofort erschließt. Von der Familie Tucher selbst erbaut, galt dieses für die frühe Neuzeit schon als sehr repräsentativ und hinterließ auch bei uns einen bleibenden Eindruck: Über eine steile Wendeltreppe gelangten wir in das erste Obergeschoss, in dem sich die prunkvoll eingerichteten Wohnräume der Familie befanden, in denen einst Geschäftspartner aus aller Welt, Patrizier, Freunde und die Familie zu Festen –gern mit Spielleuten und Dichtern– empfangen wurden. Demselben Zweck diente auch die großzügig gestaltete Gartenanlage im Stil der Renaissance.

Schon beim Betreten der ersten Räume kam uns ein ungewöhnlicher Duft entgegen, der –wie uns Herr Dr. Mayer erklärte– von exotischen Gewürzen stammt, die in Nürnberg –wie dem übrigen Europa– über den orientalischen Zwischenhandel an wohlhabende Kunden verkauft wurden, da nur diese sich derartig kostbare Waren leisten konnten. Dazu zählten Safran –auch heute noch eines der teuersten Gewürze– oder Pfefferkörner –die in Apotheken einzeln verkauft wurden– oder Ingwer, das als Heilmittel verwendet wurde, und Kardamom, das von Hans Tucher in Form von Plätzchen als effektiv gegen die Seekrankheit empfohlen wurde.

Darüber hinaus wurden auch unsere europäischen Essgewohnheiten durch die Orient-Gewürze bis heute nachhaltig geprägt, denn bereits ab etwa dem Jahr 1400 wurden sie in deutschsprachigen Rezepten und Kochbüchern verzeichnet, wie z.B. in dem Kochbuch des Nürnbergers Peter Wagner, der u.a. ein Rezept für „Biberschwanz mit Ingwer“ kreiert hatte.

Der erste Export von Kaffee aus dem heutigen Äthiopien über die arabische Halbinsel nach Europa fand dagegen erst 1640 durch den Nürnberger Patrizier und Kaufmann Johann Sigismund Wurffbain im Dienste der „Ostindisch-holländischen Handelscompagnie“ statt. In diesem Zusammenhang wurden im Manufakturzeitalter Kaffeemühlen als Weiterentwicklung der Gewürzmühlen hergestellt.

Für eine andere Art von Mühle, die ursprünglich auch im Orient entwickelt worden war, steht beispielhaft die Nürnberger Hadermühle zur Herstellung von Papier. Anstelle Pergament mühsam zu beschriften, konnte Wissen nun einfach auf geschöpftem Papier festgehalten und weitergegeben werden. Schließlich entwickelte sich Nürnberg sogar zum Kompetenzzentrum für den Buchdruck, den auch ein berühmter Sohn der Stadt, Albrecht Dürer, nutzte, um das älteste Geometriebuch in deutscher Sprache auf der Grundlage orientalischen Wissens zu verfassen.

Nach einer Stunde endete die Führung durch die Welt des Handels im Tucherschloss Nürnberg mit einem Quiz zur Ausstellung.

Zuletzt möchte ich mich noch im Namen unseres Geschichtskurses bei Frau Schneider bedanken, die uns diese bereichernden Einblicke in die Nürnberger Patrizierfamilie Tucher und deren Beziehungen zum Orient ermöglicht hat.

Nathalie Wolf, Q11

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